Volker Kauder – Der Hütehund der Kanzlerin

Das Beste an ihm ist seine Frau, sagen viele. Dr. med. Elisabeth Kauder, Fachärztin für Innere Medizin und Kardiologie, ist seit Jahrzehnten statt eines normalen Sommerurlaubs in Indien für Ärzte ohne Grenzen im Einsatz. Auf Facebook berichtet sie über die Arbeit in den Slums von Kalkutta: „In diesem Jahr ununterbrochen Regen. Große Teile der armen Wohngebiete überflutet. Wir Ärzte arbeiten unter erschwerten Bedingungen, in knietiefer Brühe aus Regenwasser und Abwässern.“

Auch ihr Mann, der Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, arbeitet zurzeit unter erschwerten Bedingungen – zwar nicht knietief in Abwasserbrühe, aber von einem Shitstorm von Kritik bis hin zu Schmähungen begleitet. Er hatte in einem WELT AM SONNTAG-Interview im Hinblick auf die anstehende Abstimmung im Parlament über ein drittes, 86 Milliarden Euro schweres Hilfsprogramm für Griechenland unter Hinweis auf das Nein von 60 Fraktionskollegen bei einem vorangegangenen Milliardenkredit gedroht: „Diejenigen, die mit Nein gestimmt haben, können nicht in Ausschüssen bleiben, in denen es darauf ankommt, die Mehrheit zu behalten – etwa im Haushalts- oder Europaausschuss. Die Fraktionen entsenden die Kollegen in Ausschüsse, damit sie dort die Position der Fraktion vertreten.“ DER SPIEGEL kommentierte: „Das wirkte nicht stark, sondern peinlich.“ Der Bonner General-Anzeiger: „Ist Kauders Drohung noch rechtens?“

Bundeskanzlerin Angela Merkel und Volker Kauder im April 2015 im Berliner Bundestag bei einem Wirtschaftsempfang der CDU/CSU-Bundestagsfraktion.

Bundeskanzlerin Angela Merkel und Volker Kauder im April 2015 im Berliner Bundestag bei einem Wirtschaftsempfang der CDU/CSU-Bundestagsfraktion.

Andererseits: Kauder muss als Fraktionsvorsteher wie ein Hütehund die Herde zusammenhalten, damit – nicht nur beim Thema Griechenland – eine Mehrheit zustande kommt, und Merkel nicht in die existentielle Situation gerät, die Vertrauensfrage stellen zu müssen und dabei die Kanzlerschaft zu verlieren – wie 1982 Helmut Schmidt! Ist Kauder dafür der richtige Mann?

Wir wohnten einige Jahre in Berlin in einem Appartementhaus Unter den Linden auf derselben Etage, er in einer Einzimmerwohnung, was für seine Bescheidenheit spricht. Er kam einmal zum Frühstück zu mir, erzählte aus seinem Leben: Seine Eltern waren Deutsche, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus Jugoslawien vertrieben wurden. Der Sohn: 1949 im badischen Sinsheim geboren, der Vater Hauptschulrektor. Volker baute Abi, leistete Wehrdienst, studierte Jura in Freiburg. Nach dem zweiten Staatsexamen wurde er stellvertretender Landrat in Tuttlingen.

Parallel gelang der Einstieg in die Politik: Mit 17 Eintritt in die Junge Union, bald darauf in die CDU. Dort erst Kreisvorsitzender, 1991 Generalsekretär der baden-württembergischen Christdemokraten. Seit 1990 Bundestagsabgeordneter. Spätestens dort wird Angela Merkel auf ihn aufmerksam, schlägt ihn 2005 als Generalsekretär der Gesamt-CDU vor. Im selben Jahr mit 93,3 Prozent der abgegebenen Stimmen zum Vorsitzenden der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag gewählt. Inzwischen ist er der am längsten amtierende Vorsitzende der Unionsfraktion. Bei der letzten Bundestagswahl 2013 als Direktkandidat des Wahlkreises Rottweil-Tuttlingen mit 57,8 Prozent wieder gewählt. Alles in allem: eine respektable Karriere.

Aber besitzt er die notwenige Härte, die ein Fraktionsboss haben muss, um sich durchzusetzen? Um seine Truppe auf Angela Merkel einzuschwören? Die geht ihm ab. Er versucht es eher mit Zureden und Überzeugen. Kauder ist kein Herbert Wehner. Das war von 1969 –1983 jener legendäre, wortgewaltige SPD-Fraktionsvorsitzende im Bundestag, dem der Ruf anhaftete, ein „Zuchtmeister“ zu sein. Über seinen Kanzler Willy Brandt sagte er einmal, weil er meinte, dieser treibe seine Politik nicht mit genügend Elan voran: „Der Herr badet gern lau.“ Den CDU-Bundestagsabgeordneten und späteren Präsidenten der Berliner Stadtverordnetenversammlung, Jürgen Wohlrabe, nannte er in einer Bundestagsdebatte in aller Öffentlichkeit „Übelkrähe“. Vor ihm hatten sie alle Angst. Als ihn zu seinem 65. Geburtstag der damalige Kanzleramtsminister Horst Ehmke und Regierungssprecher Conrad Ahlers unangemeldet im schwedischen Urlaubsort besuchten, fauchte er sie an: „Packt ein! Das hier ist zu Ende!“ Zur Strafe mussten sie ihn zum Baden ins eiskalte Meerwasser begleiten. Da flüsterte der Regierungssprecher zum Minister: „Lass uns zusammenbleiben, sonst ertränkt er uns einzeln!“

Vor Kauder fürchtet sich keiner. Schon gar nicht, von ihm ertränkt zu werden.

Bild: dpa Picture-Alliance Gmbh/Rainer Jensen

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