Thomas de Maizière – zwischen Merkel und Migranten

Er ist der wichtigste Zuarbeiter der Kanzlerin in der allen unter den Nägeln brennenden Flüchtlingsfrage. Kein Spitzentreffen der Koalition im Kanzleramt ohne Thomas de Maizière. Sein Erfahrungsschatz ist enorm. Er beherrscht die Klaviatur des Regierens, gilt schon seit Längerem als Reserve-Kanzler. Kein Wunder bei seinem Werdegang.

Was nun? „Was nun, Herr de Maizière“, fragte das ZDF in einer Sendung am 2. September den Bundesinnenminister.

Was nun?
„Was nun, Herr de Maizière“, fragte das ZDF in einer Sendung am 2. September den Bundesinnenminister.

Geboren 1954 in Bonn als Spross einer Hugenottenfamilie – daher der französische Name. Sohn des einst ranghöchsten Generals der Bundeswehr, Ulrich de Maizière. Er selbst nach Abitur, Wehrdienst und Jurastudium als Mehrzweckwaffe der Politik unterwegs nach oben: Pressesprecher der CDU-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, Verhandlungsmitglied bei der Wiedervereinigung, Kultur-Staatssekretär in Mecklenburg-Vorpommern, Chef der Sächsischen Staatskanzlei, nacheinander Finanzminister, Justizminister, Innenminister in Sachsen.

2005 Wechsel in die Bundespolitik: Chef des Kanzleramtes unter Merkel, dann Innenminister, Verteidigungsminister (als Nachfolger Guttenbergs). Seit 2013 wieder Innenminister. Nicht zu vergessen: Bundestagsabgeordneter für den sächsischen Wahlkreis Meißen. Bei namentlichen Abstimmungen, zum Beispiel für Finanzhilfen zu Gunsten Griechenlands, votierte er mit Ja; bei einem Entschließungsantrag der LINKEN zur Verlängerung des Bleiberechts von abgelehnten, jugendlichen Flüchtlingen, die sich in beruflicher Ausbildung befinden, mit Nein. Dabei ist er kein Sheriff-Typ, aber konsequent. Ist Abschiebung einmal beschlossen, soll sie auch durchgeführt werden. Ohne Ausnahmen. Vor klaren Worten schreckt er nicht zurück und stellt sich auch offen den Fragen der Journalisten, wie zum Beispiel im ZDF, „Was nun, Herr de Maizière?“

Als Innenminister verfügt er über beachtliche Macht. Der Jahresetat des Ministeriums 5,7 Milliarden Euro! Auf sein Kommando hört unter anderem die gesamte Bundespolizei, inklusive der Spezialeinheit GSG 9 – zusammen 39.000 Bedienstete. Dazu Bundeskriminalamt, Verfassungsschutz, wie überhaupt die gesamte Terrorabwehr. Er ist für den Sport zuständig und 16 nachgeordnete Bundesbehörden, darunter Statistisches Bundesamt, Technisches Hilfswerk, Bundesamt für Migration und Flüchtlinge.

Im Amt habe ihn noch niemand brüllen gehört, schreibt die Journalistin Susanne Höll in der „Süddeutschen Zeitung“. Er würde nicht mit Aktendeckeln werfen, was schon mal einem seiner Vorgänger nachgesagt wurde. De Maizière ließe zudem seine Mitmenschen nicht spüren, dass er vieles besser wisse. Dieses menschliche Verhalten mag von seinem christlichen Glauben bestimmt sein. Er ist Präsidiumsmitglied des Evangelischen Kirchentags.

Wie ist so ein Mann privat? – Er ist seit 30 Jahren mit seiner Frau Martina verheiratet. Sie haben drei erwachsene Kinder. Der Bekanntheitsgrad ihres Mannes bleibt nicht ohne negative Folgen für das Eheleben. Sie: „Wir können nicht mehr allein am Sonntag Rad fahren.“ Einerseits sind es die unvermeidlichen Leibwächter, andererseits die Mitmenschen, die den prominenten Minister auf Anhieb erkennen („Hallo, Herr Maizière!“). Womöglich ein Selfie mit ihm machen möchten. Unbehelligt geht es wenigstens auf dem Bundespresseball zu, wo der hohe Herr seine Partnerin im Slowfox übers Tanzparkett schiebt, hier und da einem Bekannten zunickend. Allerdings auch dabei wirkt er nicht total entspannt. Man sollte ihn einmal auf eine Schule des Lächelns schicken. Andererseits, der Job ist nicht zum Lachen, hinterlässt Spuren in seinem zunehmend ergrauenden Haar.

Trotzdem keine Anzeichen eines eventuellen Aufhörens in der Politik. Nicht einmal Spekulationen Dritter darüber. Was er allen möglichen Konkurrenten voraus hat, ist sein vertrauensvolles Arbeitsverhältnis mit der Kanzlerin. Genau genommen war er ihr Entdecker: 1990 im Verlauf des Prozesses der Wiedervereinigung empfahl er dem ersten frei gewählten DDR-Ministerpräsidenten Lothar de Maizière, ein Cousin von ihm, Angela Merkel als Pressemitarbeiterin in das Aufbauteam zu übernehmen. Von dort begann ihre unglaubliche Karriere zur CDU-Vorsitzenden, Bundeskanzlerin und „Miss World“!

Das wird sie ihm hoffentlich nie vergessen. Andererseits: Undank ist der Welten Lohn!

Bildangabe: Handout ©ZDF, Jürgen Dettmers/dpa

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