Norbert Blüm – auch ein Schlachtross kommt in die Jahre

Norbert Blüm bei einer Buchvorstellung der Lingen Stiftung.

Norbert Blüm bei einer Buchvorstellung der Lingen Stiftung.

Kinder wie die Zeit vergeht! An diesem Dienstag wird „uns‘ Nobbi“ 80! Jawohl, jener Norbert Blüm, der in allen Kabinetten Helmut Kohls Minister für Arbeit und Soziales war – sechzehn Jahre lang! Trifft man ihn heute, um Gottes Willen nicht fragen: „Wie geht’s?“
Er: „Dann sind wir gleich beim Lieblingsthema alter Leute: Krankheiten!“ Der „Süddeutschen Zeitung“ vertraute er dieser Tage an: „Auf Klassentreffen gibt es zwei Themen: Wenn ich die rechte Hand hebe, tut mir das linke Knie weh. Und ich sage dir, das Pyramidol II, das musst du mal nehmen. Zweites Thema: Ist der Kaffee bei Lidl billiger oder bei Rewe? Klar, ich nehme auch Pillen, und meine Gesundheit beschäftigt mich. Ich habe eine neue Hüfte und drei Stents. Aber es gibt Wichtigeres, und daher versuche ich, nicht so viel darüber zu reden.“
Er besucht in Bonn, wo er bereits zu Ministerzeiten lebte, ein Fitness-Studio. Aber trotz Muckibude wird er immer rundlicher, wie Sisyphos aus der griechischen Sage, der einen Felsblock bergan zu wälzen versucht, der aber immer wieder zurückrollt.
Geistig, vor allem im intellektuellen Streit, ist er topfit und daher in jeder Podiumsdiskussion der Star. „Alter macht streitsüchtig“, sagt er. Er war es auch in Ministerjahren. 1992 sagte er einen Besuch beim türkischen Arbeitsminister ab: „Ich will nicht Gast in ihrem Land sein, wenn zur gleichen Zeit unter den Kurden unschuldige Kinder, Frauen und Männer ihr Leben durch Aktionen türkischer Sicherheitskräfte verlieren.“
1987 setzte er sich beim chilenischen Diktator Augusto Pinochet für sechzehn zum Tode verurteilte Oppositionelle ein, damit das Urteil nicht vollstreckt würde. Er sagte ihm knallhart – der anwesende deutsche Botschafter wäre aus Angst und Scham am liebsten im Erdboden versunken –: „Herr Präsident, Sie sind ein Folterknecht! Der, vor dem Sie angeblich jeden Morgen beten, kennt jeden, den Sie umbringen ließen!“ Die sechzehn Todeskandidaten kamen frei, konnten nach Deutschland ausreisen.
Sein kürzlich erschienenes, seit Monaten auf Bestsellerlisten stehendes Buch „Einspruch!“ ist gegen die Willkür deutscher Gerichte gerichtet. Und gegen alle, die von Amts wegen dort zu tun haben – Richter, Staatsanwälte, Rechtsanwälte. Übrigens nicht sein erstes schriftstellerisches Werk! Blüm ist der Beweis, wie weit man es im Leben bringen kann, selbst wenn man aus einfachen Verhältnissen stammt. 1935 in Rüsselsheim geboren, lernte und arbeitete er acht Jahre als Werkzeugmacher bei Opel. „Mit Vierzehn fing ich an, musste auf einem Holzblock stehen, um überhaupt an den Schraubstock zu kommen. 48-Stundenwoche, jeden zweiten Samstag sechs Stunden. Abmelden bei jedem Toilettengang. Sein erstes Auto ein vom Vater (Kfz-Schlosser) aus drei alten Wagen zusammengebauter Opel-Kadett. Der Junior wird Mitglied der Industrie-Gewerkschaft Metall, rückt als Jugendvertreter in den Betriebsrat auf und promoviert über den Zweiten Bildungsweg (Abitur, Studium) schließlich zum Doktor der Philosophie.
Nicht minder beeindruckend seine politische Karriere. Mit Fünfzehn Eintritt in die CDU, bringt es bis zum stellvertretenden Bundesvorsitzenden (1981-1990). Bundestagsabgeordneter, stellvertretender Fraktionsvorsitzender. Dann während der gesamten Regentschaft Kohls Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung. Der heutige bayerische Ministerpräsident Seehofer war einst sein Staatssekretär! Blüms Versprechen aus jenen Jahren: „Die Rente ist sicher!“

Das schwächte er inzwischen ab: „Wenn das Rentenniveau weiter so sinkt wie in den letzten Jahren, kommt man in die Nähe der Sozialhilfe.“ Vor Jahren besuchte ich ihn in seinem Altbauhaus in der Bonner Südstadt. Die von Ehefrau Marita gekochte Fenchelsuppe schmeckte lecker, die Lasagne noch besser. Der Minister ging um den runden Tisch und schenkte Pfälzer ein. Hauskater Leo, schwarz wie Herrchens Partei, lag auf meinem Schoß. Ich sagte tapfer „Macht gar nichts“, spürte Leos Krallen, scharf wie Stecknadeln, und dachte an meine geringen Rentenchancen, fragte geraderaus: „Können Sie mir mal den Unterschied zwischen Anrechnungsrente und Teilhaberrente erklären?“ Das spitzbübische Lächeln – sein Markenzeichen heute noch – war plötzlich wie mit einem Scheibenwischer weggeputzt. Ich schob ihm Block und Kugelschreiber hin, er begann zu rechnen, lang und ausführlich, sagte zum Schluss: „Stirbt Ihre Frau zuerst, bekommen Sie, wenn’s nach den Plänen der Sozialdemokraten ginge, 1.000 Mark. Nach meinen Plänen 1.080 Mark.“ Ich nahm einen Schluck Orangensaft, entschied mich für ein längeres Leben und das Blüm-Modell.
Inzwischen ist es mir vielleicht lieber, wenn ich zuerst gehe – wie bei Blüms Eltern. Vater Christian wurde 78. Blüm: „Als es mit ihm zu Ende ging, saßen wir an seinem Bett. Er kämpfte um jeden Atemzug. Meine Mutter begann, ihn an die schönen Stunden seines Lebens zu erinnern: ‚Weißt du noch Christian, damals in der Tanzschule? … Weißt du noch, wie wir zum Großglockner gereist sind?‘ Sie brachte ihm mit diesen Geschichten 50 Ehejahre in Erinnerung. Zum Schluss sagte Vater mit letztem Atemzug: ‚Gretel, es war alles so schön.‘“

Foto: Lingen

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