Helmut Kohl auf der Flucht – Deutschland vor 70 Jahren

Altkanzler Kohl wurde dieser Tage 85! Ein respektables Alter. Merkel, Henry Kissinger und andere Prominente gratulierten. Aber für den Jubilar bleibt sein 15. Geburtstag der Unvergesslichste!

Es war der 3. April 1945, das letzte Jahr im Zweiten Weltkrieg. Die Russen hatten sich bis nach Berlin durchgekämpft, die Amerikaner den Rhein überschritten. Millionen Deutsche waren auf der Flucht. Unter ihnen der 15-jährige Schüler Helmut Kohl – mit 2000 Reichsmark im Brustbeutel, nach heutigem Wert rund 10.000 Euro! „Die hatte mir mein Vater in letzter Minute postalisch überwiesen. Ich war wie versteinert, als das Geld eintraf. Das war für mich ein bis dahin unvorstellbarer Betrag. Ich hatte normalerweise 50 Pfennige pro Woche Taschengeld bekommen. Mein Vater war ein äußerst sparsamer Beamter. Aber er wusste nicht, ob und wie in diesen Kriegstagen das Leben weitergehen sollte. Er wollte mir, seinem letzten Sohn – mein älterer Bruder war im Herbst 1944 gefallen – helfen zu überleben. Hinten auf dem schmalen Postabschnitt stand: ‚Wir wissen nicht, wann wir dich wiedersehen. Gott segne dich. Dein Papa.’”

Kohl war damals im bayerischen Berchtesgaden in einem sogenannten Wehrertüchtigungslager, wo Jugendliche zwangsweise eine vormilitärische Ausbildung erhielten. Als die US-Army immer näher kam, türmten er und ein Kamerad Richtung Heimat. „Unterwegs sah ich plötzlich an einem Baum einen Jungen, wenig älter als wir, aufgehängt von einem Sondergericht mit einem Schild um den Hals, darauf geschrieben: ‚Ich bin ein Vaterlandsverräter’. Ich habe diesen Anblick nie vergessen.“

Wehrmachtssoldaten auf dem Weg ins Internierungslager – Hans-Dietrich Genscher schaffte die Elbüberquerung am Tag der deutschen Kapitulation.

Wehrmachtssoldaten auf dem Weg ins Internierungslager – Hans-Dietrich Genscher schaffte die Elbüberquerung am Tag der deutschen Kapitulation.

Zur gleichen Zeit war auch ein 12-jähriges Mädchen auf der Flucht – Hannelore Renner, Helmut Kohls spätere Frau. Sie lebte mit ihrer Mutter im sächsischen Döblen. Die Front näherte sich von beiden Seiten. Mal hieß es „Die Russen kommen!“, mal „Die Amis sind gleich da!“ Bleiben oder flüchten? Die Mutter entschied für die Flucht gen Westen. Ihre Habe zogen die beiden auf einem Handwagen hinter sich her. Zwischendurch wurden sie von der russischen Front überrollt und das Mädchen, noch ein Kind, vergewaltigt! Dann erreichten sie trotzdem die amerikanische Besatzungszone. Bis nach Leipzig, wo sie auf den Vater trafen, brauchten sie drei Wochen. Von dort flüchteten sie zusammen nach Mutterstadt in Rheinland-Pfalz zu den Großeltern. Waren sie drei oder gar vier Monate unterwegs? Hannelore Kohl: „Ich weiß es nicht mehr genau. Wichtig war, man fand einen Unterschlupf für die Nacht und etwas zu essen. In Mutterstadt war das Haus meiner Großeltern von Bomben gleichgemacht. Da habe ich zum ersten Mal meinen Vater weinen gesehen – auf dem Bürgersteig sitzend.“

Der Schüler Helmut Kohl erreicht derweil nach sechs Wochen und einem Fußmarsch von 600 Kilometern (!) sein Zuhause in Ludwigshafen. Müde, abgerissen, halb verhungert. Aber im Vergleich zu dem, was seine spätere Frau durchmachte, ein Spaziergang.

Fast zur selben Zeit hockte mit rund 100.000 deutschen Soldaten und etwa 300.000 Flüchtlingen in einem Brückenkopf auf dem Ostufer der Elbe bei Tangermünde der 18-jährige Pionier Hans-Dietrich Genscher, hoffte das gegenüber liegende Ufer zu erreichen. Dort waren zwar die Amerikaner. Aber lieber dort als in russische Gefangenschaft geraten. Die rund 800.000 von Angst getriebenen, ausharrenden Menschen mussten auf drei Notholzstegen über den Fluss geschafft werden, denn die regulären Brücken waren zerstört. Genscher: „Die Russen drückten mächtig, schossen pausenlos mit Artillerie in den Brückenkopf. Sogar die Amerikaner auf der anderen Seite kamen unter Beschuss, gaben Warnschüsse zurück. Es herrschte ein grauenhaftes Chaos.“

Genscher schaffte die Elbüberquerung auf den letzten Drücker. „Am Tag der Kapitulation zwischen 17:30 und 18:00 Uhr. Danach erreichten die Russen das Ostufer.“ Empfand er Freude über die Kapitulation? „Man war zu abgestumpft, dachte nur: Gott sei Dank ist alles vorbei.“ Nach kurzer Zeit in alliierter Gefangenschaft erreichte er seine Heimatstadt Halle, hatte plötzlich Angst um seine Mutter (den Vater hatte er bereits Jahre vorher verloren). Ob sie noch lebte?

„Als ich in unsere Straße einbog, schaute sie – ich werde es nie vergessen – gerade aus dem Fenster. Mein Gott war das eine Wiedersehensfreude!“

Walter Scheel, der es in seinem Leben bis zum Bundespräsidenten brachte (1974-1979), war schon immer ein Glückspilz. Im Krieg Luftwaffen-Oberleutnant bei den Nachtjägern, ohne je selbst abgeschossen zu werden, wurde er mit seiner Einheit kurz vor Ende des großen Schlamassels ins Heimatgebiet verlegt und nach der Kapitulation interniert. Im September 1945 entlassen, erreichte er auf Umwegen seine Heimatstadt Solingen, die allerdings stark zerstört war. „Ich hüpfte von einem Bombentrichter zum anderen.“ Bei seinen Schwiegereltern fand er Unterschlupf. Damals schon verheiratet und Vater eines kleinen Sohnes, blieb er indes ohne jedes Lebenszeichen von den beiden. „Eines Tages schaute ich aus dem Fenster und dachte: Die ersten farbigen Truppen rücken ein. Aber da kam meine Frau mit unserem Kind. Sie waren auf einem offenen Kohlenzug gereist und hatten daher pechschwarze Gesichter. Aber was soll’s. Wir waren wieder vereint, überglücklich, hatten ein Dach überm Kopf! Das war eine Basis, von der aus man wieder anfangen konnte.“

So dachten Millionen, die überlebten. Daher lautet auch der Titel des dieser Tage im Lingen Verlag erscheinenden, höchst lesenswerten Buches „Niederlage und Neubeginn“.

Bild: picture alliance / ASSOCIATED PRESS

Ein Gedanke zu “Helmut Kohl auf der Flucht – Deutschland vor 70 Jahren

  1. Falls Sie Geschichten über die letzten Kriegs- und ersten Friedenstage sammeln, biete ich meine:
    Jahrgang 1923, Leutnant, 1943 durch Granatsplitterverletzung gelähmtes rechtes Bein, in den letzten Kriegswochen mit einem „Panzerjagdkommando“ unterwgs in Sachsen und Sudetenland. Im Herzen (oder Hinterkopf) stets die immer mehr und öfter angezweifelte und schwindende Hoffnung, unseres Führers Genie habe doch noch den entscheidenden Trumpf im Ärmel.
    In der Nacht zum 8.Mai gruben wir uns in der Nähe von TeplitzSchönau ein und warteten auf die russischen Panzer, die im Dorf vor uns Halt gemacht hatten. Statt Panzergerassel hörten wir aber dann wildes Gekanalle, Gegröhle und Fetzen von Schi fferklaviermusik. Ein deutscher Soldat rief uns zu: „Der Krieg ist aus. Kommt von Dönitz! Ab Mitternacht ist Waffenstillstand!“
    Ein paar Stunden später traf ich bei Rautenkranz-Morgenröthe an der westlichen Mulde auf die ersten Amerikaner, die mich und meine Begleiter aber zurück schickten. Ihre Gefangenenlager seien überfüllt. Die Mulde dürften wir nicht überschreiten.
    Die nächsten 4 Wochen verbrachte ich (wegen meiner Englisch-Kenntnisse) als Adjutant des dienstältesten Offiziers (Oberstingenieur der Luftwaffe Hamann)im Niemandslamd zwischen östlicher und westlicher Mulde. Innerhalb weniger Tage versammelten sich dort ca. 30.000 deutsche Soldaten, hoffend auf amerikanische Gefangenschaft. Am 10.Juni — ich war gerade per Krad mit einer LKW-Kolonne auf dem Wege zum Ami-Stab, kam vom östlichsten Lager (bei Eibenstock) die Feldtelefonmeldung:“Die Russen kommen!“ Das war der von uns allen gefürchtete Tag X.

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