Franz Josef Strauß – Gedenken für einen Jahrhundert-Politiker

Kommenden Sonntag wäre er 100 Jahre alt geworden, aber „FJS“ erlag 1988 mit 73 einem plötzlichen Herztod. Für die CSU und viele Bayern Anlass und Ehrensache, diesen außergewöhnlichen, wortgewaltigen Politiker, der es als Metzgersohn zum mehrfachen Bundesminister (Sonderaufgaben, Atomfragen, Verteidigung, Finanzen) brachte, ferner zum Bayerischen Ministerpräsidenten und CSU-Vorsitzenden, groß zu feiern: Bereits zwei Tage vor dem eigentlichen Geburtstag mit einem Festakt in der Hans-Seidel-Stiftung und einem Staatsakt in der Münchner Residenz.

Das Medienecho ist schon vorab enorm: Dem SPIEGEL ist das Ereignis eine Titelgeschichte wert und im Internet sogar ein Strauß-Quiz „Wie gut kennen Sie die CSU-Legende?“ mit 10 Fragen. Darunter „Wo befindet sich die Grabstätte von Strauß?“ Richtige Antwort: Im bayerischen Rott am Inn. Der Siedler-Verlag wirft eine 766 Seiten umfassende Biografie auf den Markt. Titel „Franz Josef Strauß – Ein Leben im Übermaß“, geschrieben in jahrzehntelanger (!) Arbeit von Dr. Peter Siebenmorgen, einst für DIE ZEIT, Tagesspiegel und Welt am Sonntag tätig. Unter anderem deckt er an Hand bisher unbekannter Akten auf, dass sich der berühmte Politiker von großen Firmen schmieren ließ. Ein gefundenes Fressen für andere Redaktionen, die das Buch jetzt rezensieren, zumal älteren Kollegen die sogenannte SPIEGEL-Affäre aus dem Jahr 1962 noch in Erinnerung ist, in der Strauß eine zwielichtige Rolle spielte. Damals wurde dem Nachrichtenmagazin wegen eines Artikels über die Bundeswehr („Bedingt abwehrbereit“) der ungeheure Vorwurf des Landesverrats gemacht, Redaktion von Polizei und Bundesanwälten wochenlang besetzt und durchsucht – führende Redakteure, darunter Herausgeber Rudolf Augstein, ins Gefängnis gesteckt.

Ein übergroßes „Urgestein“: Büste Franz Josef Strauß‘ des Künstlers Hubert Maier aus dem Jahr 2015 im Flughafen in München.

Ein übergroßes „Urgestein“: Büste Franz Josef Strauß‘ des Künstlers Hubert Maier aus dem Jahr 2015 im Flughafen in München.

Landesweite Empörung und Strauß, der seit Jahr und Tag vom SPIEGEL unter Beschuss genommen worden war, als Auslöser der Affäre und Rächer vermutet – was nicht zutraf: eingeweiht ja, aber nicht Initiator. Dennoch Monate später trat er als Verteidigungsminister genervt zurück. 

Dabei hatte der Mann auch viele gute Seiten, war hilfsbereit gegenüber Journalisten! Wir kannten uns über 30 Jahre. Als ein Marineflieger der Bundeswehr wegen Spionage für die Sowjets aufflog – Strauß war damals Verteidigungsminister, ich Korrespondent für den stern in Bonn – gab er mir Einblick in die Vernehmungsprotokolle des Generalbundesanwalts. Er: „Aber das bleibt unter uns!“ Darum musste ich sonntags ins Ministerium kommen. Im Ministerbüro erwartete mich ein Oberst, holte die Protokolle über die laufenden Vernehmungen des Spions aus dem Panzerschrank, und ich durfte mir Notizen machen. Der stern veröffentlichte das Ganze als große Fortsetzungsserie.

Andererseits, vor seinen Zornesausbrüchen war niemand sicher. Als wir uns nach der erwähnten „SPIEGEL-Affäre“ zu einem Mittagessen in einem Bonner China-Restaurant trafen, kam ich nicht umhin, ihn zu fragen: „Wie konnten Sie so etwas tun, mit Conrad Ahlers [dem Autor des umstrittenen Artikels], mithin einen Mann verhaften zu lassen, den Sie schon mal zu ihrem Sprecher machen wollten?“ Sein Gesicht lief zornrot an. Dann ballerte er los, dass die anderen Restaurantbesucher ruckartig ihre Köpfe zu uns herumrissen: „So dumm können Sie gar nicht sein, dass Sie mir eine so dumme Frage stellen!“ Jedes Wort schlug wie eine Granate ein. Das Gespräch erstickte in peinlicher Schweigsamkeit.

Er war nicht nachtragend. So verabredeten wir uns immer wieder zu Bootstouren an der Côte d’Azur – mit anschließendem Interview in seinem Haus. Dabei machte er ein erstaunliches Geständnis: „Was mir Spaß machen würde als Abschluss meiner politischen Karriere – solange mir Gott Gesundheit und Kraft, und die Öffentlichkeit das Vertrauen gibt, wäre eine maßgebende Position in der ersten europäischen Zentralregierung.“

Bei solchen Interviews war oft seine Frau Marianne dabei – eine intelligente, zupackende Person. In einem Punkt resignierte sie: „Er lebt wie eine Kerze, die an beiden Enden brennt.“ Mit dem Vergleich meinte sie den Stress, die viel zu vielen offiziellen Essen, das Hocken bis in die späte Nacht mit zu viel Alkohol. „Ich seh’ sie doch alle nachts irgendwo schimpfend sitzend und in Politik machen. Einer müder als der andere. Die Politik macht ihnen viel zu sehr Spaß, als dass sie davon lassen könnten.“ Marianne Strauß kam nach 27 Ehejahren 1984 bei einem Autounfall ums Leben.

Fortan übernahm Tochter Monika, verheiratete Hohlmeier, die Betreuung des Vaters und die Rolle der „First Lady“ Bayerns bei offiziellen Anlässen. Brachte es selbst zur bayerischen Kultusministerin, bis sie 2005 in politische Affären verstrickt, zurücktrat. Nach dem Ableben ihres Vaters schrieb sie mir: „Für Ihre mitfühlenden Worte zum Tode unseres geliebten Vaters danke ich Ihnen auch im Namen der gesamten Familie sehr herzlich. Die menschliche Wärme, die aus Ihren Zeilen spricht, der Trost, den Sie gespendet und die Hochachtung und Dankbarkeit, mit der Sie sein Lebenswerk gewürdigt haben, bewegt uns tief.“

Bild: picture alliance/dpa

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