Egon Bahr – wie ich ihn erlebte

Wir kannten uns über ein halbes Jahrhundert, arbeiteten zeitweise für dieselbe Redaktion (RIAS). Vergangenes Jahr sahen wir uns auf einer Veranstaltung in Berlin. Er ging am Stock, gebeugt und war blass.
Meine Gedanken gingen zurück an eine Begegnung in Bonn, wo die Pressevertreter noch in Baracken gegenüber dem Bundeshaus ihre Büros hatten. Er Zimmer 21, ich Nr. 35. Er wollte eines Tages von mir wissen: „Ich habe ein Angebot von Henri Nannen, zum stern zu kommen, und eins von Willy Brandt als Senatssprecher in Berlin. Was soll ich machen?“ Ich weiß nicht mehr, wozu ich ihm riet, egal, er entschied sich für Brandt und traf – damals der ganzen Tragweite wahrscheinlich unbewusst – die entscheidende Weichenstellung für ein aufregendes, hochinteressantes Leben. Zunächst, wie gesagt als Pressesprecher Brandts in Berlin, dann als Staatssekretär, beziehungsweise Bundesminister in verschiedenen Ressorts und engster Kanzlerberater in Bonn – eine Karriere, die er damals garantiert nicht einmal erträumen konnte.
Bahrs Vater war Lehrer. Der Sohn (Jahrgang 1922) wollte eigentlich Musiker werden. Als Hitler 1933 an die Macht kam, verlor Vater Bahr seine Stellung, weil er sich nicht von seiner halbjüdischen Frau scheiden lassen wollte. Egon Bahr durfte zwar noch in Berlin-Friedenau das Abitur machen (1940), die Zulassung zum Studium wurde ihm jedoch verweigert. Er ging zu Rheinmatell-Borsig in die Lehre. 1942 wurde er zur Luftwaffe eingezogen, brachte es bis zum Fahnenjunker-Unteroffizier. Alsdann stießen Aktenschnüffler auf seine jüdische Großmutter beziehungsweise halbjüdische Mutter. Prompt wurde er „wegen Einschleichens in die Wehrmacht“ aus der Wehrmacht ausgestoßen – ein Akt, den er noch lange als kränkende Schmach empfand.

Architekt der Ostpolitik: Sonderbotschafter der Bundesrepublik Deutschland Egon Bahr 1970 bei seiner Rückkehr aus Moskau.

Architekt der Ostpolitik: Sonderbotschafter der Bundesrepublik Deutschland Egon Bahr 1970 bei seiner Rückkehr aus Moskau.

Nach dem Krieg Journalist in Berlin und Bonn. Egon Bahr, der immer so wirkte, als säße der Kopf mit der spitzen Nase unmittelbar auf den Schultern, wurde – bevor er zu Brandt als Senatssprecher wechselte – für ein Jahr Presseattaché an der deutschen Botschaft im afrikanischen Ghana – eine Aktion des Auswärtigen Amtes, mit Hilfe gestandener Journalisten Lücken in der Pressebetreuung an unseren Auslandsvertretungen zu schließen. Dann aber ging es im Sog von Willy Brandt in die große Politik: Leiter des Planungsstabs im Auswärtigen Amt unter einem Außenminister Brandt, Staatsekretär im Kanzleramt unter dem 1969 zum Regierungschef avancierten Brandt. Er wurde gleichzeitig zum „Architekten“ der Ostpolitik seines Chefs, wirkte maßgeblich mit am Zustandekommen des Moskauer und Warschauer Vertrags, am Transitabkommen und Grundlagenvertrag mit der DDR. Sein Leitgedanke: „Wandel durch Annäherung“.
Egal, ob man ihn schätzte oder ihm nachsagte, er brauche keinen besonders langen Löffel, wenn er mit dem Teufel zusammen äße – eines anerkannten die meisten neidlos, dass er der beste Analytiker und Formulierer unter den politischen Akteuren war. Darum übernahm ihn Helmut Schmidt nach Brandts Rücktritt 1974 und machte ihn zum Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit. Mitentscheidend mag gewesen sein, dass er einen ständigen Mittler zwischen sich und Willy Brandt brauchte. Nicht zu vergessen. Bahr war auch 18 Jahre Bundestagsabgeordneter – mal als direkt gewählter Abgeordneter des Wahlkreises Flensburg-Schleswig, mal über die Landesliste ins Parlament gelangt.
Wiewohl ursprünglich aus dem Journalistenberuf kommend, war er alles andere als pressegeil, eher gegenüber den alten Standesgenossen verschlossen. So verweigerte er mir zunächst ein Gespräch, als ich über ihn für die „Wirtschaftswoche“ ein Porträt schreiben sollte. Ich wartete daraufhin den jährlichen „Tag der offenen Tür“ aller Bundeseinrichtungen ab und fiel bei ihm unangemeldet zu Haus in Bonn ein. Das fanden seine Frau und er witzig, ließen mich ein und gaben sich gesprächsbereit. Humor besaß er also auch.
In der Nacht zum Donnerstag starb er mit 93 an den Folgen eines Herzinfarkts.

Bild: dpa

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