Angela Merkel – im Wandel der Macht

Die Kanzlerin weilt zurzeit in New York: Rede vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen, Besichtigung und Kranz-Niederlegung am Ground-Zero-Memorial, Arbeitsessen mit UN-Generalsekretär Ban Ki Moon, bilaterale Gespräch mit weiteren Persönlichkeiten. „Miss World“, wie sie inzwischen genannt wird, ist eine begehrte Gesprächspartnerin. Bereits nächsten Sonntag jettet sie für drei Tage nach Indien – always on the go.

Ich erinnere mich an meine erste Auslandsreise mit ihr. Sie war mit 37 Jahren gerade Ministerin für Frauen und Jugend geworden. Wir begleiteten Bundeskanzler Helmut Kohl nach San Francisco, Los Angeles und Washington. „Angie“, mit großen Augen, zum ersten Mal in Amerika: Golden Gate Bridge, Cable Cars, die knatternden Motorräder der California Highway Patrol. In Beverly Hills, auf den Hügeln der Reichen und Schönen, trinkt man Cocktails mit Zsa Zsa Gabor, Ex-Präsident Ronald Reagan und anderen Promis! In Washington wird sie dem amtierenden amerikanischen Präsidenten, damals George Bush Senior, von Kohl vorgestellt: „Meine jüngste Ministerin, zudem aus Ostdeutschland. Spricht nicht nur Englisch, auch Russisch!“ Bush: „Wirklich?“

Die damalige Bundesministerin für Frauen und Jugend Angela Merkel und der deutsche Botschafter in den USA, Dr. Jürgen Ruhfus, auf einem Galaempfang am 15.09.1991 mit Alt-Präsident Ronald Reagan und Gattin Nancy. Merkel begleitete Bundeskanzler Kohl auf seiner fünftägigen USA-Reise.

Die damalige Bundesministerin für Frauen und Jugend Angela Merkel und der deutsche Botschafter in den USA, Dr. Jürgen Ruhfus, auf einem Galaempfang am 15.09.1991 mit Alt-Präsident Ronald Reagan und Gattin Nancy. Merkel begleitete Bundeskanzler Kohl auf seiner fünftägigen USA-Reise.

Ein paar Jährchen später sind wir gemeinsam in New York: UN-Sondergeneralversammlung zu Umweltproblemen. Frau Merkel ist inzwischen Umweltministerin und Leiterin der deutschen Delegation. 35 mitgereiste Beamte aus mehreren Bonner Ministerien unterstehen ihr. Kohl ist ungehalten, der Dolmetscher fehlt. Sie atmet tief durch, Stress auszuhalten hat sie inzwischen gelernt. Das erste Interview gibt sie bereits frühmorgens im Hotelzimmer, dann folgt ein Arbeitsfrühstück mit fünf Bundestagsabgeordneten. Ganztägige UN-Sondersitzung, weitere Interviews, Pressekonferenz an der Seite des Kanzlers, Abendessen mit dem indischen Umweltminister – ganz schön happig, der Tag. Sie wirkt trotzdem gepflegt, hat sich gemausert, verselbstständigt, hat Profil gewonnen.

Zehn Jahre später begegne ich ihr auf den Stufen eines provisorischen ZDF-Studios. Sie ist gerade in der Essener Grugahalle mit überwältigender Mehrheit zur CDU-Vorsitzenden gewählt worden.

Ich gratuliere: „Herzlichen Glückwunsch und toi, toi, toi!“

„Danke!“ Sie strahlt über das ganze Gesicht, was schön ist, wenn sie lacht. Im nächsten Moment bemerkt sie, dass sie zwei Stufen über mir steht, man aber höflicher auf gleicher Augenhöhe miteinander spricht. „Ich komm’ erst einmal zu ihnen runter“, sagt sie.

„Was für ein Gefühl ist das nach diesem überwältigenden Wahlsieg mit 897 von 935 Stimmen?“, frage ich.

„Ein gutes. Ich bin zufrieden.“ Sie hätte auch jubilieren können – „Super! Toll“! Nein, das ist nicht ihre Art.

Im Triumph nimmt sie sich immer noch zurück – auch als die Union sie zur Kanzlerkandidatin kürt! Kurz darauf findet ihr erstes Rededuell als CDU-Vorsitzende im Bundestag mit Gerhard Schröder statt – Thema: „Atomausstieg“. Auf der Pressetribüne lästern die Kollegen: „Jetzt kommt die Jungfern–Rede, betonen das Wort „Jungfer“. Eine Journalistin fährt dazwischen: „Typisch Männer! Wie könnt ihr so etwas sagen, zudem noch mit dreckigem Lachen!“ Dabei ahnen wir auf der Pressebühne nicht, dass Angela Merkel unter erschwerten Bedingungen antritt, was ihr schicker hellblauer Blazer aus dem Hamburger Atelier nur zum Teil ausgleicht. Die Unterlagen zum Debattenthema befinden sich noch im Umzugskarton. Sie muss sich beim Erstellen des Redetextes auf ihr Gedächtnis und das ihrer Büroleiterin, Beate Baumann, verlassen. Trotzdem, sie besteht die Feuertaufe mit Bravour.

Warum erzähle ich von diesen Stationen? Nun, wer sich mit Fleiß und Zielstrebigkeit erst als Frauen- und Jugendministerin, dann als Umweltministerin behauptet, als Partei- und Fraktionsvorsitzende durchboxt, der hat gute Chancen, sich als Kanzlerkandidatin zu bewähren. Vielleicht sogar als Kanzlerin, denke ich frühzeitig. Und dann geschieht das: Nach vorgezogenen Neuwahlen wird sie am 22. November 2005 mit 397 der 611 gültigen Stimmen (Gegenstimmen 202, Enthaltungen 12 Stimmen) vom Bundestag zur Kanzlerin gewählt – als erste Frau in diesem Amt!

Zwischen ihrer Wahl und Vereidigung begegnen wir uns zufällig im unterirdischen Gängesystem des Bundestages. „Herzlichen Glückwunsch, toi, toi, toi!“, sage ich. Angela Merkel strahlt wieder übers ganze Gesicht. Zwei Leibwächter halten gebührenden Abstand. Weil ich gerade mit meinem Handy mit meiner Frau telefoniere, sage ich kess: „Sie möchte Ihnen auch gratulieren!“ Und zu meiner Frau: „Ich gebe dir mal die neue Bundeskanzlerin!“ Der Titel, zumal in der weiblichen Form, geht mir noch etwas ungelenk über die Zunge. Dann unterhalten sich die Damen kurz über mich. Merkel: „Ihr Mann steht immer am richtigen Platz!“ Eine Anspielung darauf, dass ich sie vor wenigen Wochen fast an selber Stelle traf – beim Geldziehen am Postbankautomaten. Die Meine entgegnet: „Und hoffentlich noch viele Jahre.“

Nicht zu vergessen: Die Kanzlerin arbeitet fast immer unter Zeitdruck, eine Krisensitzung jagt die andere. An ihrer Regierungserklärung im Bundestag „Zur Lage der Finanzmärkte“ feilt sie noch auf der Regierungsbank bis zur letzten Minute, eilt zwischendurch hinaus, kommt zurück, korrigiert weiter. Der neben ihr sitzende Finanzminister schielte neugierig auf ihr Manuskript. Was sie dann in 21 Minuten vorträgt, ist keine „Schweiß, Blut und Tränen“-Rede, wie es die Situation erfordert hätte, sondern ein undramatischer Vortrag: „Die Lage auf den internationalen Finanzmärkten ist ernst …“

Gelegentlich korrespondieren wir miteinander. So schreibt sie mir im Mai 2008:

Lieber Graf Nayhauß, 

herzlichen Dank für die Übersendung ihres Buches „Die Geheimnisse der Kanzlerreisen“ und Ihre freundliche Widmung. Als unermüdlicher Chronist des Zeitgeschehens haben sie mehr als dreißig Jahre lang vier deutsche Bundeskanzler auf vielen Auslandsreisen begleitet … Ihr sehr persönliches Werk erlaubt manche aufschlussreichen Einblicke hinter die Kulissen der großen Politik – ganz inoffiziell und ohne diplomatisches Protokoll. Die „Geheimnisse der Kanzlerreisen“ werden einen würdigen Platz in meinem Bücherschrank finden. 

Mit allen guten Wünschen für Ihr weiteres journalistisches Schaffen und ihr persönliches Wohlergehen.

Mit freundlichen Grüßen.

Angela Merkel

Ein Freund spielt mir eines Tages ihre Doktorarbeit zu. Bereits die Überschrift flößt mir großen Respekt vor dem hohen wissenschaftlichen Niveau ein: „Untersuchung des Mechanismus von Zerfallsreaktionen mit einfachem Bindungsbruch und Berechnung ihrer Geschwindigkeitskonstanzen auf der Grundlage quantenchemischer und statistischer Methoden“. Ich gebe zu, ich verstehe nur „Bahnhof“. Auch was den Gesamttext der Doktorarbeit angeht. Kostprobe: „Die Kohlenwasserstoffwandlung bei hohen Temperaturen in Abwesenheit von Sauerstoff (Thermolyse, Pyrolyse, Plasmolyse) ist gegenwärtig und sicher aus in Zukunft von hoher volkswirtschaftlicher Bedeutung …“

Mir wird schlagartig klar, warum diese Frau beim Regieren mit den unterschiedlichsten, hoch komplizierten, zudem sich ständig wechselnden Themen fertig wird — mit Finanzkrisen, Frauenquote, gerechten Steuersätzen, Rente mit 63 oder 67, Drohnenankauf, Krim-Krise, Zentralbankzins, Offshore-Konten, Rüstungsexporten und vielem mehr. Es ist ihr akademisch geschulter, messerscharfer Verstand, komplizierte Vorgänge zu begreifen, zu analysieren.

In der aktuellen Diskussion um die Aufnahme Tausender Flüchtlinge beweist sie, dass sie auch Herz hat und Menschen Mut macht („Wir schaffen das“). Kritik – auch aus den eigenen Reihen – mag sie ärgern, aber wirft sie nicht um. Auch das gehört zum selbst durchgemachten Wandel, wenn man zehn Jahre an der Macht ist.

Bild: dpa Picture-Alliance GmbH/ Martin Athenstädt

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